„Ähm, nun ja.
Um ehrlich zu sein, mir ist schon aufgefallen, dass du in letzter Zeit etwas zugelegt hast und deine Diensttauglichkeit unter Umständen auch nicht mehr ganz die Beste ist.
Probiere es doch mit süßen Äpfeln und normalen Mahlzeiten statt der vielen Schokolade. Und ab und zu einer kleinen Sporteinheit.
Die vielen Zigaretten und der Kaffee sind einer guten Kondition auch nicht gerade förderlich!“, versucht Dr. Kamm sich möglichst schonend auszudrücken.
„Verstanden Herr Oberst! Auf Wiedersehen Herr Oberst!“
Dann hört er von Tanja nur noch das laute Zuknallen seiner schweren Bürotür. Wutschnaubend, fluchend mit hochrotem Gesicht und bebend begibt sie sich einen Stock tiefer in ihr Büro, wo diese verächtliche Kreatur Werner noch sein musste. Nur von ihm konnte Georg Kamm eigentlich all diese Dinge wissen.
Was hat dieser hinterhältige Verräter ihm wohl noch so alles erzählt?
Doch in ihrem Büro ist momentan keine Spur von Werner auszumachen.
Nur seine volle Thermosflasche mit der gesunden Bio-Suppe, eigens von der Frau Mama noch in aller Früh für den geliebten Sohn zubereitet, steht einsam und verlassen auf dem Schreibtisch des Arbeitskollegen.
Vorsichtig schraubt sie den Deckel des Suppenbehälters ab und zieht aus den Tiefen ihres Rachens, die schönste, lindgrün schimmernde Spucke nach oben und versenkt sie zielsicher in der trüben, duftenden Gemüsesuppe.
Noch nie zuvor war sie so erfreut wie heute, schon wieder seit Wochen an einem hartnäckigen Schnupfen zu leiden.
Was wesentlich dazu beiträgt, dass auch eine zweite, besonders farbintensive und qualitativ nicht minderwertigere Absonderung aus ihrem Mund, sehr zäh und langsam aber dafür punktgenau inmitten der Kanne landet.
„Das ist jetzt wirklich Bio, wahre Natur pur von mir zubereitet!“, denkt sie schelmisch und verschließt den Behälter wieder.
Nach einem kurzen Aufschütteln um eine optimale Synthese der biologischen Inhaltsstoffe zu erreichen, stellt sie die Kanne wieder zurück auf den ursprünglichen Platz.
„Ach Werner, eines wollte ich dich schon die ganze Zeit fragen!“,
begrüßt sie den kurz darauf erscheinenden Partner. „Wie war eigentlich dein jährliches Mitarbeitergespräch mit Dr. Kamm vorletzte Woche? War alles in Ordnung?
„Habt ihr eventuell auch über mich gesprochen?“, fragt sie ihn zuckersüß und sanft lächelnd.
„Nun ja, wir haben uns ganz gut unterhalten und über alles Mögliche gesprochen. Ich war aber ganz pragmatisch und habe ihm daher nicht wirklich etwas über dich erzählt. Warum fragst du?“, antwortet er freundlich zurück und öffnet dabei den Verschluss seines Suppenbehälters und leert sich reichlich daraus auf seinen Teller. „Nicht so wichtig! Genieße dein Mittagessen, das hast du dir heute schon redlich verdient!
Ich werde mir übrigens jetzt den Rest der Woche frei nehmen.
Du kommst sicher alleine zurecht.

 

Textauszug von Burned-out/Ausgelöscht.